Die Flüchtlingshilfe Liechtenstein steht ein für den Schutz von Asylsuchenden, Vorläufig Aufgenommenen und Schutzbedürftigen.
Die Flüchtlingshilfe Liechtenstein steht ein für Respekt, Offenheit und Toleranz gegenüber Flüchtlingen und Schutzbedürftigen.
Die Flüchtlingshilfe Liechtenstein setzt sich ein für die Verwirklichung der Grund- und Menschenrechte.
Die Flüchtlingshilfe Liechtenstein setzt sich ein für die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention.

Zeitungsinterview 02.06.20: Die Flüchtlingshilfe ist im Wandel

Interview mit der Präsidentin der Flüchtlingshilfe Frau Maja Marxer-Schädler

Zwei langjährige Mitarbeiter haben gekündigt, der Geschäftsführer Thom Lendi geht 2021 in Frühpension. Die Präsidentin nimmt Stellung.

Bei der Flüchtlingshilfe geht wohl derzeit einiges drunter und druber: Christoph Stöckel hat gekundigt,  ebenso Andrea Walser. Auch Thom Lendi als Geschäftsfuhrer wird die Flüchtlingshilfe verlassen. Was ist da los?
Maja Marxer-Schädler: Es ist richtig, dass zwei Mitarbeitende unabhängig voneinander gekündigt haben. Beides waren verdiente Mitarbeitende der Flüchtlingshilfe und über mehrere Jahre angestellt. Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass das berufliche Umfeld der Mitarbeitenden nicht immer einfach ist. Die Arbeit mit Asylsuchenden und Schutzbedürftigen ist anspruchsvoll. Wir sehen deshalb in einem Stellenwechsel und allenfalls einer beruflichen Neuorientierung nichts Negatives. Zwischenzeitlich konnten bereits wieder zwei ausgewiesene Fachpersonen angestellt werden.

Auch der Geschäftsführer Thom Lendi verlässt die Flüchtlingshilfe. Warum? 
Thom Lendi hatte in den letzten zehn Jahren die Hauptverantwortung bei der Betreuung und Unterbringung der Asylsuchenden und Schutzbedurftigen in Liechtenstein. Er musste diese Aufgabe mit vergleichsweise sehr wenig Personal meistern, was vor allem in den ganz schwierigen Zeiten mit über 160 Asylsuchenden für alle sehr kräftezehrend war. Wie gesagt, ist die Tätigkeit in diesem Arbeitsfeld sehr anspruchsvoll. Kulturelle und sprachlichen Barrieren, ungewisse Zukunft der Asylsuchenden, drohende Ausschaffung, schwere Traumata sind nur ein paar Aspekte, die herausfordernd sein können. Aufgrund der sich abzeichnenden organisatorischen Veränderungen, welche auch die Geschäftsleitung betreffen, erachten der Vorstand des Vereins und Thom Lendi eine Fruhpensionierung per Ende April 2021 als optimale Lösung.

Sie sprechen von sich abzeichnenden organisatorischen Veränderungen, also quasi von einer Reorganisation – wie sieht diese denn aus?
Nach zwanzigjährigem Bestehen der Flüchtlingshilfe schien es dem Vorstand angezeigt, unabhängig von dem in der Leistungsvereinbarung mit der Regierung formulierten Auftrag zur Betreuung und Unterbringung von Asylsuchenden, die zurückliegende Tätigkeit des Vereins unter die Lupe zu nehmen und eine Strategie für die Zukunft festzulegen. Ziel ist es vor allem, die Struktur des Vereins zu stärken, um sich noch besser fur die Belange der Flüchtlinge und Asylsuchenden einzusetzen und diese in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Und wie möchte der Verein dieses Ziel erreichen?
Der Vorstand beschloss in der Folge, die Durchführung von zwei Projekten zur Analyse der Betreuung und Unterbringung der Asylsuchenden und Schutzbedürftigen sowie zur strategischen Ausrichtung der Flüchtlingshilfe. Verschiedene Massnahmen wurden getroffen und auch bereits umgesetzt. Diese beiden Projekte werden von vier gemeinnützigen Stiftungen in Liechtenstein finanziell unterstützt.

Frau Marxer-Schädler, Sie sind nun seit knapp einem Jahr die Präsidentin der Flüchtlingshilfe. Ein kurzer Rückblick: Wie haben Sie den Verein angetroffen?
Die Flüchtlingshilfe funktioniert in Liechtenstein prinzipiell gut und das Verständnis in der Öffentlichkeit fur die Unterstützung von Flüchtlingen ist vorhanden. Das zeigt unsere jüngst durchgeführte Spendenaktion für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln, aber auch ein Blick in die Vergangenheit, wo sich Liechtenstein bei Flüchtlingswellen immer wieder sehr offen und hilfsbereit gezeigt hat. Es genügt aber nicht, für Flüchtlinge einfach eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen, weil für Menschen mit Erfahrungen von Flucht und Verfolgung vielfach eine intensive Betreuung notwendig ist. Wenn wir künftig vermehrt Familien und Frauen mit Kindern Schutz und Asyl gewähren wollen, müssen auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Da ist es wichtig, die vorhandenen Strukturen und Abläufe genau unter die Lupe zu nehmen und zu optimieren.

Konnte denn bereits schon einiges optimiert werden?
Ja, im Rahmen der bisherigen Projektarbeit konnten bereits zahlreiche Verbesserungsmassnahmen umgesetzt werden, so unter anderem die Festlegung einer Tagesstruktur für die betreuten Personen, die Anpassung und Verschriftlichung des Aufnahmeprozesses fur die neu ankommenden Asylsuchenden, die Überprüfung und Zuteilung der Verantwortung und Zuständigkeiten fur die verschiedenen Bereiche in der Flüchtlingshilfe und die spezifische Schulung für die Hilfswerkvertretungen im Rahmen des Asylverfahrens. Daneben wurden verschiedene weitere innerbetriebliche Massnahmen umgesetzt, welche die tägliche Arbeit erleichtern sollen. Weitere Projekte, die bereits gestartet wurden, betreffen die Stärkung der Freiwilligenarbeit, die Revision der Statuten sowie in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Ministerium die Anpassung der Leistungsvereinbarung zwischen der Flüchtlingshilfe und der Regierung.

Ist es im Asylzentrum selbst wieder etwas ruhiger geworden?
Es ist richtig, dass die Zahl der Asylsuchenden in den letzten Monaten stark rückläufig war und es in der Betreuung zurzeit ruhiger geworden ist. Es ist jetzt eine gute Zeit, um die erwähnten Projekte voranzutreiben und umzusetzen und sich auf die künftigen Herausforderungen vorzubereiten.

Wie konkret möchte sich der Verein vorbereiten?
Erlauben Sie mir noch kurz den Blick in die Vergangenheit : Es war eine gewaltige Aufgabe, den unerwarteten Zustrom einer grossen, ständig wechselnden Anzahl von Schutzsuchenden zu bewältigen. Das hat eine grosse Flexibilität in den Tages- und Arbeitsabläufen notwendig gemacht, oft auch Improvisationen. Jetzt, da nicht mehr so viele Flüchtlinge versorgt werden müssen, hat man Zeit und Kapazität, um – entsprechend auch dem Gesetzesauftrag – Tagesstruktur, Beschäftigungsprogramme wie auch Arbeitseingliederungsmassnahmen konsequent umzusetzen. Verschiedenes ist bereits im Gange, wie zum Beispiel das Bistro-on-the-Run, das bereits vergangenes Jahr jeweils auf dem Wochenmarkt in Balzers anzutreffen war. Ebenso läuft die Umgestaltung des Bistros im Zentrum der Flüchtlingshilfe. In Arbeit ist auch eine neue Tagesstruktur mit klarer Einteilung von Deutschunterricht und Beschäftigungsprogrammen, damit der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt möglich werden kann.

Was ist in puncto Zugang zum Arbeitsmarkt geplant?
Ziel ist eine Arbeitsintegration mit Jobcoaching, das Akquirieren von Praktika, das Schaffen von Schnuppermöglichkeiten und Lehrstellen bis zu de­fi­ni­tiven Anstellungsmöglichkeiten. Eine Vereinbarung über die Entgeltung von Arbeitseinsätzen von Asylsuchenden ist in Zusammenarbeit mit LANV und GWK auf der Zielgeraden.

Wichtig für die Flüchtlingshilfe ist natürlich auch die Zusammenarbeit mit den Behörden und dem Ministerium. Wie läuft diese?
Die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Inneres und dem Ausländer- und Passamt ist sehr gut. Wir treffen uns regelmässig zu Besprechungen über wichtige Aufgaben und koordinieren die tägliche Arbeit. Auch mit anderen Ämtern und Behörden wie dem Amt für Soziale Dienste, dem Amt für Bau und Infrastruktur, der Finanzkontrolle, mit der Polizei und auch mit den Schulen funktioniert die Zusammenarbeit gut. Überall, wo wir sie brauchen, bekommen wir Unter­stützung und stossen mit unseren Anliegen auf offene Ohren. Wichtig ist uns auch die Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, wie beispielsweise dem Verein für Menschenrechte, dem Verein für betreutes Wohnen, dem Aha, dem Eltern Kind Forum oder dem Netzwerk, nur um einige aufzuzählen.

Fazit: In der Flüchtlingshilfe tut sich einiges – was steht aktuell konkret an?
In den kommenden Monaten ist die Einarbeitung der neuen Mitarbeitenden eine wichtige Aufgabe. Worauf wir uns alle freuen, also die Asyl­suchenden, das Team wie auch der Vorstand, ist das schrittweise Zurückkehren zu einer Normalität nach der Corona-­Krise, selbstverständlich mit allen nötigen Vorsichtsmassnahmen. Besonders freuen wir uns auf die Wiederaufnahme des Beschäftigungs­pro­gramms.

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